Böhm: Brücken bauen statt Gräben aufreißen

10.2.16

Brücken bauen statt Gräben aufreißen

Zur Demonstration von Spätaussiedlern in Offenburg. In Offenburg leben ca. 6.000 Russlanddeutsche, zur Demonstration der Partei „Einheit“ am 7. Februar kamen 300 – aus ganz Baden. Die Offenburger Spätaussiedler insgesamt sind also nicht mit den Demonstranten in einen Topf zu werfen.

Die Partei „Einheit“ will „unsere Frauen und Kinder vor den Flüchtlingen schützen“ und stützt sich dabei auf viele Falschinformationen, nicht zuletzt russischer Medien. Damit schadet diese Partei der Integration der Spätaussiedler und reißt Wunden der Erinnerung auf: denn in Offenburg mussten vor wenigen Jahren „Frauen und Kinder“ z.B. vor einer Bande von 40 russischdeutschen Jugendlichen geschützt werden, die Ladendiebstähle und Überfälle verübten. Ähnliche Gruppen haben seit den 90er Jahren Angst in der Bürgerschaft verbreitet; gegenüber der Polizei hatten sie keinen Respekt. Aber kein Offenburger hat geschrien: „Spätaussiedler raus!“

Im Gegenteil: die pädagogischen Angebote und Integrationsanstrengungen wurden verstärkt (z.B. Mitternachtssport in der Eichendorffschule, Boxclub). Heute sind junge Spätaussiedler unauffällige Jugendliche wie andere auch. Deutsche aus Russland haben bei uns Heimat gesucht und gefunden. Sie sehen ihren Weg nach Deutschland als Heimkehr. Flüchtlinge dagegen suchen bei uns Schutz. Gegenüber allen Neuankömmlingen, die bei uns Heimat und Schutz suchen, hat unser demokratisches Gemeinwesen die Kraft zur Integration und zur Überwindung von Anfangsschwierigkeiten.

Die „Einheits“-Parteigänger vor dem Rathaus dagegen wollen Integrationsanstrengungen, wie sie zum Vorteil der Spätaussiedler aufgebracht worden sind, den neu ankommenden Flüchtlingen verweigern. Das ist mitleidlos. Sie kritisieren die Beschaffung von Unterkünften für Flüchtlinge und unterschlagen, dass in Offenburg (nicht nur) der Kreuzschlag als Heimstatt für Spätaussiedler aus dem Boden gestampft wurde. Mit ihren Rufen „Schwule raus!“, lehnen die Demonstranten die in Deutschland erkämpften Werte von Toleranz und Gleichberechtigung ab. Sie bezweifeln die Freiheit der deutschen Presse, nicht aber die Fehlagitation der russischen Staatsmedien. Sie sagen: „Die Flüchtlinge sollen in Syrien bleiben!“ – wo sie neuerdings von russischen Flugzeugen bombardiert werden. Die „Einheit“ hat in Offenburg menschliche Kälte und die Ablehnung von hier gültigen demokratischen Werten demonstriert. Sie beansprucht, damit die Russlanddeutschen zu vertreten.

Ich meine, der Integrationsbeirat sollte diesem Anspruch in einer nächsten Sitzung entgegentreten und eine Diskussion führen: Brücken bauen statt Gräben aufreißen. Steht die Integration von Spätaussiedlern in Gegensatz zur Integration von Flüchtlingen?

Vielen Mitbürgern ist das Schicksal der deutschstämmigen Einwohner der ehemaligen Sowjetunion unbekannt. Deshalb schlage ich vor, dass der Integrationsbeirat anlässlich des 75. Jahrestags der Stalinschen Dekrete zur Deportation der Russlanddeutschen (28.8.1941) im Herbst mit einer Veranstaltung an den damals ausgelösten millionenfachen Leidensweg erinnert.

Stefan Böhm

Stadtrat Grüne Offenburg
Mitglied im Integrationsbeirat
im Namen der Grünen-Gemeinderatsfraktion

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