Ricarda Lang, stellvertretende Bundesvorsitzende und frauenpolitischen Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, zu Besuch beim 18. Digitalen Stammtisch

Beim 18. Digitalen Stammtisch am 28. Juli war die stellvertretende Bundesvorsitzende und frauenpolitischen Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen Ricarda Lang zu Besuch.

Zum Thema „systemrelevante Berufe“ kam sie einleitend auf ihre Sommertour #Whocares zu sprechen und konnte von ihren ersten Terminen, unter anderem in einer Hebammenschule, berichten.

Innerhalb systemrelevanter Berufe seien geschätzt 75 % in den Bereichen Pflege und Gesundheit sowie als Erzieher*innen tätig. Mit dem Lockdown kurz nach dem Internationalen Frauentag am 8. März sei das Thema plötzlich sehr in den Vordergrund gerückt, doch geändert habe sich für die Leute in dem Bereich seither eigentlich nichts. Im Gegenteil, zunächst waren die Arbeitskräfte besonders gefordert gewesen und die Belastung stiegen. Ricarda betonte, dass Dankbarkeit und ein einmaliger Bonus nicht reichten, sondern langfristige und strukturelle Veränderungen notwendig seien. Bonus-Zahlungen, die lediglich in Altenheimen, nicht aber in Krankenhäusern angekommen seien, hätten zu einem großen Vertrauensverlust geführt.

5 Ansätze für eine Aufwertung und bessere Bedingungen in systemrelevanten Berufen:

  • Löhne fielen zu gering aus, was, verbunden mit viel Teilzeittätigkeiten, ein erhöhtes Armutsrisiko darstelle → Bedarf allgemeinverbindlicher Tarifverträge
  • Personal müsse aufgestockt werden, um Stress, Überarbeitung, Burnout und psychischem Leiden durch nicht Erreichung des eigenen Qualitätsanspruchs entgegen zu wirken → Bedarf eines neuen Personalbemessungsschlüssels sowie Geldinvestitionen
  • Zeitfrage: Überlastung lasse oft nur Teilzeitbeschäftigung zu und Ricarda verwies auf den Vorschlag, eine 35-Stunden-Woche in der Pflege einzuführen. Aus dem Pflegenotstand könnten wir nur herausfinden, wenn sich die Arbeitsbedingungen verbesserten und die Berufe somit wieder attraktiver würden.
  • Berufsbild/Wahrnehmung müsse neu publiziert werden. Dass Pflegekräfte ihre Arbeit oft gerne machten, rechtfertige keine Hungerlöhne. Der Hierarchie im deutschen Gesundheitssystem sei entgegenzuwirken → Bedarf an Pflegekammern und einer Selbstvertretung, die ein neues Berufsbild publiziert
  • Finanzierung: Oft werde in der Pflege gespart. Gerade den Bereichen Personal und Investitionsfinanzierung werde derzeit kein Bundesland gerecht → Der Staat müsse eine stärkere Verantwortung übernehmen in Form von Vorsorgeversorgung, Änderung der Fallpauschalen und Stärkung der Investitionsfinanzierung

Im Austausch mit den Zuhörern wurde nochmal deutlich, dass die Personaldecke nicht auf Anschlag sein dürfe, sondern darüber liegen müsse. Das derzeit vorhandene Personal sei oft im Dauereinsatz und werde nicht selten sogar vorzeitig aus dem Urlaub zurückgerufen. Ausbildungsberufe wie in Frankreich zu akademisieren hielt Ricarda für den falschen Ansatz. Dadurch könne nicht gegen die bestehende Hierarchie vorgegangen werden. Auch nach einer Ausbildung könne gute Arbeit geleistet werden. Eine Attraktivitätssteigerung des Berufs sei der richtige Weg.

Abschließend hielt die stellvertretende Bundesvorsitzende fest, dass systemrelevante Berufe aktuell wieder weniger im Diskurs stünden, das noch vorhandene Fenster aber genutzt werden müsse, um das Thema hochzuhalten.

Der KV Ortenau bedankt sich bei Ricarda Lang für ihren Besuch beim Digitalen Stammtisch.

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