Artikel "Gegen die Wegwerfmentalität", Kehler Zeitung, 9.12.1980

Vor 40 Jahren: „Jute statt Plastik“ auf dem Kehler Marktplatz

Die Kehler Grünen haben heute ein Jubiläum zu feiern: Am 12. Dezember 1980 fand ihre erste öffentliche Aktion statt. Unter dem Motto „Jute statt Plastik“ organisierten sie an zwei Freitagen in der Adventszeit am Marktplatz einen Infostand, der schon damals eine Alternative zur Plastiktüte anbot.

Die Kehler Zeitung kündigte die Aktionsstände so an: „Gegen die Wegwerfmentalität – Grüne Aktion praktisch: Wir müssen alle umdenken“. Auch der spätere Zeitungsbericht über die Aktionen liest sich fast so, als wäre er heute verfasst worden: „Das Wissen um die Problematik unserer Wegwerfproduktionen sei, wie sich in Gesprächen am Aktionsstand gezeigt habe, durchaus vorhanden. Erschreckend jedoch sei die vielfach zutagegetretene Gleichgültigkeit, mit der den Argumenten der „Grünen“ und ihrer jugendlichen Helfer begegnet worden sei.“ Einen kleinen Lichtblick gab es damals dennoch: Immerhin wurden für die stolze Summe von 360 DM Jutetaschen umgesetzt.

Tatsächlich gab es erst in den letzten Jahren einen spürbaren Wandel in den Kehler Geschäften bei der Verwendung von Plastiktüten. Dies ist zwar begrüßenswert, aber wieso musste dies fast vierzig Jahre dauern? „Für die Weihnachtseinkäufe 2020 haben wir Grüne den Wunsch, dass die Kehlerinnen und Kehler bei ihren lokalen, durch die Corona-Krise bedrohten Geschäften einkaufen, sei es im Laden (mit Stofftasche) oder auf deren Online-Angeboten,“ so Andreas Fröhlich, der Vorsitzende des Ortsverbands.

Der Ortsverband selbst wurde am 12. Februar 1980 gegründet, knapp einen Monat nach Gründung der Bundespartei in Karlsruhe. Die für Frühsommer in der Stadthalle geplante Jubiläumsfeier musste zum großen Bedauern des Vorstands abgesagt werden. Kreisrat und Kassierer Günter Klasen: „Wir hatten eine tolle Band gebucht, und dann kam uns Corona dazwischen.“ Nun ist unklar, wann die Feier nachgeholt werden kann. Die monatlichen Mitglieder-Versammlungen konnten dagegen weiter stattfinden, da man schnell auf Videokonferenzen umstieg. „Das ist zwar nicht optimal, bietet aber auch Vorteile. Und durch unsere gestiegene Mitgliederzahl ist es mittlerweile auch gar nicht so einfach, geeignete Räumlichkeiten zu finden. Aber dieses Problem haben wir gerne,“ fügt die Vorsitzende Nicole Stirnberg schmunzelnd hinzu.

Die Entwicklung der Kehler Grünen spiegelt dabei oft den bundesweiten Trend wider: So zogen bereits 1984 erstmals Grüne in den Kehler Gemeinderat ein, nämlich Dr. Ulrich Köhrle, Elke Schrade (jetzt Reinemer) und Wolfgang Maelger, der dem Gremien seit mittlerweile 36 Jahren ohne Unterbrechung angehört: „Man ist uns am Anfang eher mit etwas Mistrauen begegnet: Was wollen die? Müssen wir uns jetzt auf eine andere Diskussionskultur einstellen? Sind die auch verlässlich, wenn es um sensible Informationen geht?“ Dies habe sich durch die konkrete Arbeit der Fraktion aber schnell gelegt, so Maelger. „Wir haben uns immer gut vorbereitet, den Kontakt gesucht und verlässlich gearbeitet. Über die ganzen Jahre ist da Vertrauen entstanden und ein kleines Netzwerk.“ Bei der Kommunalwahl 2019 fuhren die Kehler Grünen dann auch ihr bislang bestes Ergebnis ein: Bei fast gleichem Stimmanteil lagen sie knapp hinter der SPD, aber noch vor der CDU und verfehlten ein sechstes Mandat nur um Haaresbreite.

Das starke Abschneiden war auch der paritätisch besetzten Wahlliste zu verdanken: Die dreizehn Kandidatinnen sammelten ungefähr genauso viele Stimmen wie die dreizehn Kandidaten ein. Nun verbessern zwei (fast drei) Grüne Stadträtinnen die unausgewogene Geschlechterbilanz im Kehler Gemeinderat. Dies war bei der Kommunalwahl 1994 ganz anders gewesen, als mit Gerd Baumer, Peter Kiefer und Wolfgang Maelger ein „Grünes Herren-Trio“ gewählt wurde, wie die Kehler Zeitung am 6.12.1994 schrieb. Dies war besonders kurios, da die Grünen landauf, landab die Partei mit dem stärksten Frauenanteil waren. „Ich wüsste nicht, dass es in Baden-Württemberg noch eine reine Männer-Fraktion gibt“, erklärte Maelger damals. Dies blieb auch in den folgenden Wahlperioden so. Nach der Kommunalwahl 2004 konnte das Manko dann durch die Bildung einer Fraktionsgemeinschaft mit den beiden Stadträtinnen der neu gegründeten Frauenliste ausgeglichen werden.

Für die kommenden Jahre haben sich die Vorsitzenden Nicole Stirnberg und Andreas Fröhlich unter anderem den Ausbau der Zusammenarbeit mit den Straßburger Grünen zum Ziel gesetzt. Im Oktober kam man bereits mit Beigeordneten und weiteren Vertreterinnen und Vertretern von ‚Strasbourg Ecologiste et Citoyenne‘, der Gruppe von Oberbürgermeisterin Jeanne Barseghian im Straßburger Gemeinderat, zu einem ersten Arbeitstreffen zum Thema Ökologie zusammen. Der Wunsch zum Austausch war auf beiden Seiten groß und man war sich einig, dass viele Projekte auf Kehler wie Straßburger Seite nur mit einer grenzüberschreitenden Perspektive wirklich sinnvoll sind. Dies treffe insbesondere auf die Entwicklung des neuen Viertels „Port du Rhin“ sowie des Zollhofareals beim Kehler Bahnhof zu, die beide unmittelbar in Grenznähe liegen. Das nächste Treffen zu Sozialem und Wirtschaft soll im Januar dann in Strasbourg stattfinden, sofern die Corona-Lage dies zulässt.

Artikel „‚Aktion praktisch‘ hat sich bewährt“, Kehler Zeitung, Dezember 1980

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